„Das ist kein Kinderkram“ In Mahlow gibt es Beratung und Hilfe für Spielsüchtige

03.02.2011 Quelle: Märkische Allgemeine, Zossener Rundschau

Seit 2009 ist die Suchtberatungsstelle des Christlichen Sozialwerks Ichthys Abhängigenhilfe in Mahlow auch Schwerpunktanlaufstelle für Menschen mit Glücksspiel-Problemen. Mit Susann Gnielka, Sozialarbeiterin und Therapeutin bei Ichthys, sprach Redakteurin Elke Höhne.

MAZ: In Blankenfelde-Mahlow etabliert sich mittlerweile eine dritte Spielhalle. Der Unmut in der Gemeindevertretung wächst. Doch das Gewerbe ist ordnungsgemäß angemeldet. Kann man trotzdem etwas dagegen tun?

Susann Gnielka: Die Verantwortung liegt beim zuständigen Amt. Unseres Erachtens sollte darauf ein wesentlich höherer Druck ausgeübt werden. Bürger sollten sich zum Beispiel im Rahmen einer Bürgerinitiative deutlich äußern. Vor allem, da sich diese weitere Spielhalle in unmittelbarer Nähe von Schule und Jugendklub befindet. Jede Form des Unmuts sollte genutzt werden. In Berlin ist das in verschiedenen Bezirken geschehen und trug maßgeblich dazu bei, dass es mittlerweile eine rege Diskussion zu dem Thema gibt und gesetzliche Änderungen und Erweiterungen betrieben werden.

Sie sind seit mehr als 27 Jahren in der Drogenarbeit tätig, haben umfangreiche Erfahrungen. Und doch drücken Sie gerade die Schulbank?

Gnielka: Ich absolviere eine dreijährige Zusatzqualifikation, um in unserer Schwerpunktberatungsstelle als Glücksspielsuchtberaterin fit zu sein. Ich habe schon viel erlebt, doch ich bin erschreckt, welche Auswirkungen Glücksspiele auf Persönlichkeiten haben können und wie fatal sie verharmlost werden. 80 Prozent der Glücksspieler sind Automatenspieler.

Wie äußert sich diese Sucht?

Gnielka: Es ist die Suche nach dem Kick. Alles geht rasend schnell. Je kürzer die Zeit zwischen einem Spiel und dem nächsten – desto weniger kann ich genau sehen, um welche Summe es sich handelt. Der Kick hat unter anderem mit der schnellen Verfügbarkeit, den hohen Gewinnen oder Verlusten an den dicht aneinander stehenden Geräten zu tun. Ein Einsatz dauert fünf Sekunden, in der Zeit kannst du viel Geld verlieren oder gewinnen. Da werden Hormone in hoher Dosis ausgeschüttet, und die Spieler sind völlig „drin“ im Automaten. Sie haben keinen Bezug mehr zu Geld, das ist fatal. Es gibt Leute, die schlafen nicht, sind 24 Stunden vor den Geräten, gehen nur mal schnell aufs Klo. Schlimmstenfalls werden sie in den Hallen gar mit Nahrung versorgt, zum Teil auf Kosten des Hauses, um ihren Aufenthalt und damit ihren wirtschaftlichen Ruin weiter zu forcieren.

Gibt es ihn, den „klassischen“ Zocker?

Gnielka: Die Statistik sagt, es ist der junge, arbeitslose Mann. Doch Spielsucht ist immer noch ein Tabu-Thema. Ich kenne Betroffene aus allen Schichten – und nicht nur Männer. Wir müssen sie aus ihrem persönlichen und sozialen Elend holen. Zumal die Suizidrate nicht unerheblich ist. Das ist kein Kinderkram: Spielsüchtige geraten psychisch in hochdepressive Zustände.

Wie erkennt man einen Spielsüchtigen?

Gnielka: Wenn man Veränderungen an ihm feststellt, Geldnot, komische Ausreden, er nicht mehr ansprechbar ist. Man sollte nachfragen, ihm Brücken bauen. Das Krankheitsbild ist umfangreich und schließt ein, dass sich der Betroffene auch selbst betrügt. Es fehlt den Glücksspielern oft an Selbstwertgefühl. Der Kick am Automaten vermittelt ein Gefühl der Stärke, der Sicherheit: Ich bin was. Das Spielen manövriert sie aus der Realität heraus, sie verschulden sich, verlieren ihre Arbeit, zerstören Familien – ein sehr komplexes Desaster.

Kommen Sie sich da nicht manchmal hilflos vor?

Gnielka: Ich begleite zurzeit 15 Spielsüchtige, von denen einige auf dem Weg in die stationäre Therapie sind. Und ich weiß, mit jeder weiteren Spielhalle kommen weitere Süchtige. Deshalb bin ich froh, dass in allen Landkreisen inzwischen Fachleute sitzen, die über ein breites Spektrum an therapeutischem Know-how verfügen. Das ist ein solider Anfang. Natürlich müssen wir uns manchmal im „Ichthys“-Team gegenseitig auffangen. Die professionelle Distanz erlernt man. Und ich erlebe ja auch Erfolge. Man muss wirklich die Menschen lieben und ernst nehmen. Und ich kann gut mit Menschen, denen es selbst nicht gut geht.

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