Schlimmstenfalls verhungert... Gemeinnütziger Verein kann nicht für den Landkreis in Vorkasse gehen

07.06.12 Mahlow

Schlimmstenfalls verhungert Gemeinnütziger Verein kann nicht für den Landkreis in Vorkasse gehen
Seit 20 Jahren gibt es das Christliche Sozialwerk Ichthys in Mahlow. Zum runden Geburtstag wünscht es sich weniger Bürokratie.

Von Elke Höhne

MAHLOW Seit Oktober 2011 ist Dirk (Name geändert) ohne Wohnsitz. Am 3. April 2012 gibt sich der 26-Jährige einen Ruck und greift zum Telefon. Immer wieder hatten ihn Bekannte, bei denen er untergekommen war, dazu ermutigt. Nun steht er vor der Tür bei Ichthys in Mahlow. Er kann nicht mehr. Er will nicht mehr schnorren. Er will raus aus dem Teufelskreis.

Der gemeinnützige Verein Ichthys hat Erfahrungen im Umgang mit sogenannten Nichtsesshaften. Die Mitarbeiter sehen, ja, Dirk braucht Hilfe. Am gleichen Tag informiert der Verein den Landkreis per Fax über den Neuzugang, signalisiert, dass dringender Hilfebedarf besteht. Damit setzt Ichthys ein übliches Prozedere in Gang. Hilfebedürftige, die wie Dirk als Nichtsesshafte im Paragrafen 67 des Sozialgesetzbuches beschrieben sind, bedürfen der Eilhilfe, da sie obdachlos, mittellos und ohne tragfähige soziale Beziehungen sind. Der Sozialhilfeträger hat etwaige Kosten der Einrichtung, die die eilige Hilfe gewährt hat, zu erstatten, da Ansprüche auf Sozialleistungen mit ihrer Entstehung fällig werden. Über den zu stellenden Sozialhilfeantrag ist innerhalb eines Monates nach Eingang zu entscheiden.

Für diese und weitere Maßnahmen hat der Landkreis Teltow-Fläming mit dem Verein einen Vertrag abgeschlossen. Ichthys lebt von diesen Entgelten und vereinbarten Tagessätzen. Im Vergleich mit anderen Einrichtungen, mit denen er zusammenarbeitet, befinden sich die knapp 40 Euro pro Tag vom Landkreis Teltow-Fläming im unteren Bereich.

 „Für dieses Geld bieten wir Quartier mit ’Vollpension’ und Betreuung sowie Beratung an“

, sagt die Leiterin der Einrichtung, Katrin Dennewill, mit dem Tagessatz müssten alle Sach- und Personalkosten bestritten werden.

Seit 20 Jahren nimmt sich der Verein Suchtkranker und Obdachloser an. Letztere müssen nicht zwangsläufig auch suchtkrank sein, „haben aber viele andere Probleme“, erläutert Sozialarbeiter Thomas Krauel. Seine Klienten sind „Personen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten“.

Nach 16-jähriger Erfahrung mit den Obdachlosen können Krauel wie auch die anderen qualifizierten Mitarbeiter einschätzen, woran es den Nichtsesshaften – neben einer Wohnung – vor allem fehlt. „Einige sind völlig lebensuntüchtig, ohne soziale Kontakte“, sagt er, können nicht mal lesen. Andere brauchen eine Therapie, müssen ärztlich versorgt werden. Oder sitzen tief in Schulden, sind straffällig geworden. Rund 50 Menschen werden täglich vom Verein Ichthys betreut, ob stationär, in den Außengruppen oder nur stundenweise.

Die Ehemaligentreffen zum alljährlichen Sommerfest geben Krauel und den 17 fest angestellten Mitarbeitern Kraft und motivieren sie. Das Christliche Sozialwerk mit seinen Sozialarbeitern, Ärzten, Psychologen, Sucht- und Musiktherapeuten bietet eine gute Grundlage, den Hilfsbedürftigen aus ihrer Lage herauszuhelfen. Viele haben es geschafft. Das ist auch der guten Vernetzung mit anderen Einrichtungen des Suchthilfesystems, mit Ämtern und Behörden zu verdanken.

Auf ihre Einrichtung ist das Ichthys-Team stolz. Den runden Geburtstag feiert es beim Sommerfest am 9. Juni ab 14 Uhr, wo Partnern und ehrenamtlichen Helfern ordentlich gedankt werden soll. Die Freude wird jedoch etwas getrübt, weil die Zusammenarbeit mit dem Landkreis Teltow-Fläming komplizierter und bürokratischer wird, sagt Katrin Dennewill. Deshalb wünscht sich die Ärztin und Chefin,

„nicht mehr zwei Monate und mehr im Voraus zahlen zu müssen, bis die Ansprüche unserer Klienten vom Kreis in die Tat umgesetzt werden“.

Denn der Antrag auf Soforthilfe für Dirk vom 3. April ist vom Sozialamt noch nicht beschieden worden. Vier Wochen nach seiner Aufnahme in Mahlow, der Bekanntgabe des Hilfebedarfs nach Luckenwalde (die notwendigen Unterlagen folgten innerhalb der nächsten sieben Tage) rief das Amt an und lud ein zum Hilfeplangespräch. Ichthys konnte wegen Mittellosigkeit des Betroffenen darauf nicht eingehen, bat in dessen Interesse um eine schriftliche Einladung und beantragte die Fahrkosten-Übernahme.

Etwa sechs Wochen nach Dirks Aufnahme fand nun das Gespräch statt. Doch Geld hat der Verein noch nicht gesehen. Dabei gilt laut Gesetz, dass Ansprüche mit ihrer Entstehung fällig werden, betont die Leiterin. „Sollten wir weiter als gemeinnütziger Verein dem Staat in diesem Maße Geld vorschießen müssen, wäre unsere Einrichtung gefährdet“, so Katrin Dennewill. Schlimmstenfalls wäre Dirk in den vergangenen zwei Monaten eben mal verhungert.

Der Landkreis ist sich keiner Schuld bewusst. Das Sozialamt habe immer erst zu prüfen und festzustellen, welche Hilfe geeignet, erforderlich und angemessen ist, beruft sich Vize-Landrätin Kirsten Gurske (Die Linke) auf den Ermittlungsgrundsatz. Entschieden werde, wenn alle erforderlichen Unterlagen vorliegen und das Hilfegespräch stattgefunden hat. „Es ist nicht im Interesse des Landkreises, die Bearbeitung von Anträgen bedürftiger Menschen zu verzögern“, betont sie.

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