Zurück ins Leben

26.01.13 Mahlow

Bei Ichthys lernen Suchtkranke, wie sie selbstständig und abstinent ihren Alltag meistern

Quelle: MAZ 26.01.13

MAHLOW - Benni* (der richtige Name ist der Redaktion bekannt) hatte eine gute Zukunft vor sich. Nach dem bestandenen Abitur bekam er einen Ausbildungsplatz als biologisch-technischer Assistent. Wenn alles glatt gegangen wäre, würde der 26-Jährige heute wahrscheinlich in einem Labor arbeiten und im weißen Kittel Proben mit Zellkulturen analysieren oder Chemikalien zusammenmischen. Aber es ging nicht glatt. Heute lebt Benni in einer Wohngemeinschaft in Blankenfelde zusammen mit anderen Suchtkranken. Und das ist schon ein großer Fortschritt.


Erst arbeitslos, dann obdachlos, bei der Schwester rausgeflogen. Ende 2010 setzte ihn sogar das Amt vor die Tür.

„Ich war richtig am Boden“, sagt Benni.

Benni war Kiffer. Mit 16 fing es an. Da war es nur ab und zu ein Joint, zum Entspannen, zum Runterkommen, um die Probleme mit den Eltern wenigstens für die Zeit des Rauschs zu vergessen.


Irgendwann zündete er sich schon früh nach dem Aufstehen den ersten Joint an. Alles wurde ihm zu viel.

„Leck Arsch hab ich mir gedacht, wenn mein Ausbilder was von mir wollte“,

sagt er. Seine Eltern hat er das letzte Mal gesehen, als er 18 war. Acht Jahre ist das jetzt her. Bennis Blick wandert nervös durch den Raum.
Dass er die Kraft hat, seine Geschichte zu erzählen, verdankt er Franziska Weise. Sie ist Sozialarbeiterin und Suchttherapeutin beim Christlichen Sozialwerk Ichthys in Mahlow. Seit Oktober 2011 kennt sie Benni.

Fast vier Monate hat es gedauert, bis er sich in den Räumen in Mahlow eingewöhnt hatte. „Das ist schon eine lange Zeit“, sagt die Therapeutin.

„Am Anfang habe ich mich komplett zurückgezogen“,

erinnert sich Benni. Seit einem Jahr lebt er mit anderen Suchtkranken in einer betreuten Wohngemeinschaft in Blankenfelde.

„Es geht mir besser. Ich bin geselliger geworden“,

sagt er. Die Bewohner sind weitgehend auf sich allein gestellt. Sie müssen ihre Zimmer in Ordnung halten, Lebensmittel einkaufen und die Termine bei Ämtern und Behörden allein erledigen. Franziska Weise schaut einmal in der Woche nach dem Rechten und hebt den Finger, wenn das Zimmer unter leeren Pizzakartons zu ersticken droht oder hilft Konflikte unter den Bewohnern zu lösen – fast wie in einer ganz normalen WG.
Es gibt nur einen großen Unterschied:

gesellige Trinkabende wie bei Studenten sind tabu. „Wer trinkt, fliegt raus“,

sagt Franziska Weise. Regelmäßig kontrolliert sie, ob die Bewohner Alkohol oder Drogen genommen haben. Wird sie fündig, gibt es ein klärendes Gespräch. Im Wiederholungsfall muss der Übeltäter ausziehen.
Benni hat den Drogen abgeschworen. Genauso wie seine Mitbewohnerin Renate. Die 60-Jährige hat eine typisch weibliche Trinkerkarriere hinter sich, erklärt Susann Gnielka von der Ichthys-Suchtberatungsstelle.

„Frauen trinken meist heimlich“,

sagt die Therapeutin. Bei Renate ging das 20 Jahre so. „Aus Langeweile“, sagt die sechsfache Mutter.
Als die Kinder aus dem Haus waren, fühlte sie sich plötzlich nicht mehr gebraucht. Statt ihr Leben als Mutter und Oma zu genießen, ertränkte sie ihre Sorgen in Alkohol.

„Ich habe verlernt, an mich zu denken“,

sagt sie. Nach der ersten Therapie lernte sie den falschen Mann kennen und griff erneut zur Flasche. Vor einem Jahr

„hat es Klick im Kopf gemacht“,

sagt Renate. Da war sie schon mehr als ein Jahr bei Ichthys. Heute fährt sie ins Kino oder zum Shoppen nach Berlin, wenn sie Lust darauf hat.
In diesem Jahr möchte sie in eine eigene Wohnung ziehen und für ihre Enkel da sein.

Auch Mario hat große Pläne. Der 43-Jährige aus der Nähe von Jüterbog möchte Schäfer werden. Er ist seit April vergangenen Jahres bei Ichthys.

„Hier habe ich eine Familie gefunden“,

sagt er. Vorher hat er seine Probleme in sich reingefressen oder im Alkohol ertränkt. Das Zusammenleben mit den anderen helfe ihm. „Alleine habe ich Angst, rückfällig zu werden“, sagt Mario. Zum ersten Mal seit Jahren ist er stolz auf sich.

„Ich haben den Willen, es zu schaffen.“


Franziska Weise hört solche Worte gerne. „Ich glaube, dass Menschen sich ändern. Das ist meine Arbeit.“ (Von Christian Zielke)

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